Mosaiksteine zur Geschichte von Nikolassee

 

Gründung der Landgemeinde

 

Der „Geburtstag“ Nikolassees: 27. April 1901, Gründung der Villenkolonie

Selbständige Landgemeinde – Voraussetzung für ein eigenes Rathaus und späteren Ortsteil von Zehlendorf (im Gegensatz zu Schlachtensee) – wurde Nikolassee laut obenstehender Urkunde mit „Allerhöchstem Erlass“ zum 1. April 1910

 

Schon frühzeitig sorgte die stolze junge Gemeinde für Ordnung, z.B. mit der eigenen Hundesteuermarke:

 

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Im Prospekt der Heimstätten-AG von 1910 ist zu lesen:

 

„Dort wo sich Wannseebahn und Stadtbahn kreuzen, liegt der Ort Nikolassee. Im Jahre 1900 wurde er von der H.-A.-G. gegründet. Auch der schöne Doppelbahnhof ist nach den Entwürfen der Gesellschaft und auf deren Kosten erbaut worden. Die Fahrzeit bis Berlin (Wannsee-Bahnhof) beträgt 34 Minuten, bis zum Bahnhof Zoologischer Garten 27 Minuten. Vom frühen Morgen bis in die späte Nacht verkehren stündlich ungefähr 4 Züge. Mit den vor 3 Jahren eingeführten, neuerdings in beiden Richtungen verkehrenden Schnellzügen dauert die Fahrt sogar nur 24 Minuten bis zum Potsdamer Hauptbahnhof. – Obwohl nun Nikolassee nur eine halbe Stunde vom Herzen der Weltstadt entfernt ist, also sozusagen vor den Toren Berlins liegt, fällt die ruhige, abgeschlossene Lage der Kolonie angenehm auf. Dieser Vorzug beruht darauf, daß nur Landhäuser und keine größeren Mietskasernen in Nikolassee gebaut werden dürfen. Eine gute Konditorei – dicht am Bahnhof gelegen – ist vorhanden. Hieran anschließend ist ein modernes, vornehmes Restaurant errichtet worden. Sonstige Gastwirtschaften gibt es in der Kolonie nicht. Desgleichen dürfen im Orte keinerlei Betriebe errichtet werden, die Rauch, Staub, Geruch oder starkes Geräusch verursachen.

Der Nikolas-See selbst gehört seiner Lage nach zu den vielbewunderten Grunewaldseen. Mit seinen hohen, waldigen Ufern bietet er ein Bild echter märkischer Naturschönheit. Er ist das Auge der Landschaft. – In gleichgroßem Maße voll Stimmung und Poesie ist die sich anschließende und weithinerstreckende Rehwiese. Umsäumt von dem dunklen Grün der Kiefern wird sie von einer Wasserader durchrieselt. Dichtes Erlengebüsch kennzeichnet diesen Lauf.

Der ganze Ort atmet Frieden und Harmonie. Von der H.-A.-G. ist alles getan worden, um den malerischen Eindruck der Landschaft nicht zu verwischen, im Gegenteil zu erhöhen. Die den Bodenverhältnissen angepaßten, leicht gekrümmten Straßenzüge, die immer wieder reizvolle, neue Schaubilder hervorzaubern, die Serpentinen, Terrassen, sie alle fügen sich in das schon von der Natur reich ausgestattete Landschaftsbild ein, nirgends eine Störung hervorrufend. Trotz der mit Bäumen und Gartenstreifen eingefaßten Straßen, trotz der Schmuckplätze wandert der Besucher durch eine herrliche Waldlandschaft. Die Villen und Landhäuser liegen etwas von der Straße zurückgezogen, von den hohen Kiefern wie schützend aufgenommen und eingebettet in gutgepflegte gärtnerische Anlagen.

So gewährt jedes einzelne Haus den Eindruck eines landschaftlichen Idylls, eines trauten Heimes. – Nikolassee ist wohl die erste Landhausansiedelung, bei deren Anlage große, moderne Gesichtspunkte maßgebend waren. Für eine ganze Reihe ähnlicher Gründungen war diese Schöpfung der H.-A.-G. maßgebend und vorbildlich.

Der Bewohner von Nikolassee muß auf keine Bequemlichkeit Verzicht leisten, die der Großstädter hat. Gas, elektrisches Licht, Wasserleitung sind vorhanden. Die sauberen Straßen weisen gute Beleuchtung auf. Ganz in der Nähe des Bahnhofs befindet sich das Postamt. Sehr viele Ansiedler haben Fernsprechverbindung mit Berlin. Mehrere Ärzte praktizieren in Nikolassee. Die freiwillige Feuerwehr ist mit allen modernen Feuerlöschvorrichtungen ausgerüstet. Zwei der H.-A.-G. gehörende, vorzüglich angelegte Tennisplätze und ein Luft- und Sonnenbad stehen den Ansiedlern kostenlos zur Verfügung. Ferner sind 3 Eiskeller vorhanden, die den Ansiedlern billiges Eis liefern. Bei Beelitzhof am Wannsee befindet sich die „Nikolasseer Schwimm- und Badeanstalt". Gegen ein Schulgeld von 40 Mark vierteljährlich werden Knaben und Mädchen in der Privatschule des Fräulein Lehwess für den höheren Schulunterricht – die Knaben also bis zur Sexta – vorbereitet. Der Unterricht in dieser, von Luckstraße Nr. 20/22 zu Nikolassee belegenen Anstalt wird von einer für das höhere Schulfach geprüften Vorsteherin in Gemeinschaft mit vier geprüften Lehrerinnen erteilt.

Gymnasium, Realgymnasium, Realschule und höhere Töchterschule sind in den benachbarten Vororten vorhanden. Ferner wird in der Musikschule Kaulitz-Grädener, Teutonenstr. 12, Unterricht im Klavierspiel erteilt.

Die Gemeindebildung des Orts ist inzwischen derart vorgeschritten, daß Nikolassee bestimmt am 1. April 1910 eine selbständige Landgemeinde wird. Wenn dann die kommende Gemeinde ihre Geschäfte selbst besorgt, so wird sie voraussichtlich mit dem geringfügigen Steuerzuschlag von 50 %, einschließlich der Kreissteuer, ihre Bedürfnisse decken. Es geht hieraus hervor, daß der Ort in steuerlicher Beziehung auch nach vollzogener Umwandlung einen hervorragenden, wenn nicht den ersten Platz unter den Land- und Stadt-Gemeinden des Kreises einnehmen wird. Die Bewohner von Nikolassee sind also im Punkte der Steueraufwendungen wesentlich günstiger als in anderen Ortschaften gestellt. Die neue, reizvoll gelegene Kirche wird im März dieses Jahres eingeweiht werden. Orgel, Glocken sowie der gesamte Innenbau sind von den Bewohnern der Kolonie bereitwilligst gestiftet worden.

Besonders bemerkt sei noch, daß die H.-A.-G. eine etwa 9 1/2 Morgen große eigene Kunst- und Handelsgärtnerei mit Gewächs- und Treibhäusern und ausgedehnten Baumschulen in Nikolassee unterhält, wodurch den Ansiedlern die Anlage und Instandhaltung ihrer Gärten wesentlich erleichtert wird."

 

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Am 1. Oktober 1920 trat das Gesetz über die Bildung der Stadtgemeinde Berlin in Kraft. Die Landgemeinde Nikolassee mit ihren 1982 Einwohnern musste aus dem Kreisverband Teltow ausscheiden und wurde dem Bezirk X (Zehlendorf) zugeschlagen. In der Landgemeinde Zehlendorf (einschl. Schlachtensee) lebten zu diesem Zeitpunkt 20 562 Bürger.

 

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Im Dezember 1925/Januar 1926 wurde Schwanenwerder ein Teil von Nikolassee und damit dem Bezirk Zehlendorf zugesprochen. Die Insel Lindwerder (rechts) dagegen gehörte schon vorher zu Nikolassee.

 

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Seit Anfang der 1980er Jahre gilt für die Rehwiese und große Bereiche Nikolassees ein Erhaltungsgebot, das leider für eine Reihe von in den 1960/1970er Jahren abgerissenen Bauten zu spät kam.

 

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Das „Kerngebiet“ des heutigen Orteils Nikolassee, wie es seinerzeit von der Heimstätten-AG erworben wurde (siehe Karten von 1902, 1906, 1908 und 1912), erstreckt sich im Westen von der Südseite des Bahnhofs Wannsee über die Nibelungenstraße durch den Tunnel am Nikolassee über die Südseite der Spanischen Allee bis zur Wasgenstraße und der Potsdamer Chaussee Richtung Westen wieder zum Bahnhof Wannsee. Nach und nach kommen die Gebiete hinzu, die zum heutigen Ortsteil Nikolassee des zum 1. Januar 2001 gebildeten Bezirk Steglitz-Zehlendorf gehören. Heute umfasst Nikolassee eine Fläche von 19,6 km2, die von etwas über 16 000 Menschen bewohnt wird.

 

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