Die Wiese, auf der alles begann

– eine Hymne auf die Rehwiese –

Die Rehwiese ist einer der erstaunlichsten Orte von Berlin: ein drei Kilometer langes Wiesental mitten in einem Villenviertel des Westens, ein tollkühner Einbruch der Landschaft in die Stadt, ein Ort, der aussieht, als hätte sich Berlin entschieden, doch lieber zu Stratford-upon-Avon zu gehören oder zum Bois de Boulogne. In der Mitte der Rehwiese, die Teil einer eiszeitlichen Seenrinne ist, wächst dichtes Gebüsch, zwischen Eichen und Rotbuchen leuchten die Villen wie aufgeklappte Schatztruhen – und tatsächlich ist das Viertel am ehesten das: die architektonische Schatzkammer der Stadt. Eine gebaute Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts, wie man sie nur selten findet.

Und schon deshalb ist es nur konsequent, dass man heute dem großen Berliner Architekturhistoriker Julius Posener, der vor genau hundert Jahren, am 4. November 1904, in Berlin geboren wurde, einen Platz auf der Rehwiese widmet; der Berliner Westen hat Poseners Werk und sein Denken geprägt wie kaum etwas anderes und er das Denken mehrerer Generationen von Architekten. Obwohl Posener, zunächst aus Neugierde, dann aus Not, ganz andere Regionen der Welt kennen gelernt hat: Nach dem Architekturstudium bei Hans Poelzig ging er nach Paris, um von dort aus über neue französische Architektur zu berichten, floh 1935 nach Palästina, wo er mit dem emigrierten Erich Mendelsohn arbeitete, trat sechs Jahre später in die britische Armee ein, um gegen den Nationalsozialismus zu kämpfen, verbrachte 1945 ein Jahr in seiner zerstörten Heimat, ging nach London und Kuala Lumpur, wo er eine Architekturschule mit aufbaute, bevor er 1961 als Professor nach Berlin zurückkehrte.

Trotz aller Weltläufigkeit war Poseners Denken geprägt von seiner Jugend im Berliner Westen. Er konnte, wie er in seinen soeben im Siedler-Verlag erschienenen „Heimlichen Erinnerungen. In Deutschland 1904 bis 1933" schreibt, „ganze Wintertage damit verbringen, in den Vororten Berlins durch den Schnee zu stapfen, wo ich Landhäuser entdeckte ... ich träumte endlose Tagträume, lange Geschichten, in denen ich eine höchst geniale Rolle spielte." Manche Spaziergänge führten ihn zum Domizil des Staatssekretärs Hermann von Seefeld (Zehlendorf, Knesebeckstr. 5), der sich 1904/05 von Hermann Muthesius ein Haus hatte bauen lassen: „Ich hatte insofern Glück", schreibt Posener, „als ich mit einer der Töchter in die Tanzstunde gegangen war, Isolde – so kam es, dass mir dieses Haus offenstand ... außerdem war ich, wenn auch nur leicht, in Isolde verliebt, obwohl klar war, dass ich in diesem Fall in Isolde das Haus liebte." Verliebt in eine Villa: Das war typisch für Posener und typisch für das architekturbegeisterte, fortschrittliche Bürgertum, das sich in der Villenkolonie Nikolassee ansiedelte. Das Zehlendorf, das Posener in seinen „Heimlichen Erinnerungen" beschreibt, war bestimmt von einer Gesellschaft, zu der sein Vater, der Maler Moritz Posener, ebenso gehörte wie der Architekt Hermann Muthesius, der Soziologe Robert René Kuczinsky oder Poseners Jugendfreund Hansjochen Sedelmeier, der „deutschen Expressionismus in seiner bürgerlichen Form" malte. Nicht zufällig leitet Posener in seinen Vorlesungen zur Geschichte der Neuen Architektur, die in einer inzwischen legendären Sonderausgabe der Architekturzeitschrift „Arch+" nachzulesen sind, die Architektur des 20. Jahrhunderts aus dem Villen- und Landhausbau ab, von Arts and Crafts, Macintosh und Muthesius, dessen Bauten er schon als Jugendlicher in seiner Nachbarschaft erleben konnte. Und nicht zufällig spielten die Muthesius-Bauten an der Rehwiese in den „Heimlichen Erinnerungen", die Autobiographie, Epochenporträt und großartiger Familienroman zugleich sind, eine wichtige Rolle: „Unweigerlich endeten meine Spaziergänge vor einem meiner Lieblingshäuser, dem Haus Freudenberg ... Es schien mir, als harmonierten die Menschen, die darin lebten, mit dem Stil ihrer Häuser."

Noch heute ist die Rehwiese eine einzigartige architektonische Idealwelt. Wer hier eine Stunde spazieren geht, lernt mehr über den Beginn der modernen Architektur und ihre verlorenen Nebenwege als in einem Semester Architekturgeschichte. Da steht an der Rehwiese Nummer 13 das zwischen Landhaustradition und Protomoderne schwankende Haus von Bruno Schmitz, der 1912 ein mächtiges Biberschwanz-Ziegeldach mit einem modern strengen, halbrunden Backsteinerker kombinierte; auf der anderen Seite der Wiese thront Hermann Muthesius „Mittelhof", ein um zwei quadratische Höfe angeordneter Backsteinbau mit schiefergedecktem Dach und großzügig verglastem, halbrundem Erker. Die Villenkolonie zwischen Rehwiese und Nikolassee war das moderne Experimentierfeld einer Stadt, die mit großbürgerlicher Kultur, wie man sie in Paris oder London kannte, keine große Erfahrung hatte. Dementsprechend deutet Posener den Vormarsch des britischen Landhausstils in Berlin psychologisch: Kaiser Wilhelm und Muthesius hätten „an einem Minderwertigkeitskomplex gegenüber dem Engländertum" gelitten: „Wilhelm wusste, dass die Engländer bessere Lebensformen besaßen; Muthesius wusste das ebenfalls. Er wollte für ein Bürgertum, von dem er immer wieder sagte, dass es viel zu schnell reich geworden sei, echte bürgerliche Formen finden."

So wurde die Gegend an der Rehwiese zur britischsten Enklave Berlins, und noch heute erstaunt die Anglophilie der Rehwiese, die Dichte an Aston Martins und Range Rovers, hellen Hunden und grünen Wachsjacken sogar britische Besucher. Aus den Sehnsüchten eines weltoffenen neuen Berliner Bürgertums, das sich einerseits an – aus London importierten – Traditionen entlang hangelte, andererseits aber um eine eigene Modernität bemüht war, destillierte sich hier ein einmaliger Baustil. Ein Beispiel für den protomodernen Landhausbau des frühen 20. Jahrhunderts findet man direkt an der Rehwiese, wo Georg Königsberger 1902 eine für seine Zeit bemerkenswert strenge Villa ohne die sonst geliebten Erkerchen und Türmchen baute (Gerkrathstr. 12); nicht weit davon entfernt sieht man Erich Blunks 1910 im Stil des Heimatschutzes errichtete Kirche, deren grotesk hoher und spitzer Turm weit sichtbar über das dörfliche Idyll der Wiese ragt. Jenseits der Autobahn schließlich steht Mies van der Rohes 1922 für Georg Eichstaedt erbaute Villa in der Lohengrinstraße/Ecke Dreilindenstraße (Dreilindenstr. 30), ein Haus, in der sich eine ebenso avancierte wie klassisch orientierte bürgerliche Baukultur zeigt, wie sie bald nach 1933 verschwand.

Diese Spielform der Moderne, der man an der Rehwiese und in ihrer Umgebung oft begegnet, erscheint heute als marginaler Sonderweg. Nach 1933 radikalisierte sich die Architektur in zwei Richtungen – in einen Stil, der sich zwischen Heimatfolklore und Trutzburgenpathos verläuft, und einen radikal entmaterialisierten Internationalismus, der bald ideologisch als Ästhetik der freien Welt aufgeladen wurde. An der Rehwiese lässt sich dagegen eine dritte Moderne beobachten, die jenseits ideologischer Grabenkämpfe zwischen Spitzdachvertretern und Flachdachapologeten traditionelle Elemente mit moderner Sachlichkeit verbindet – und es wäre immerhin denkbar, dass unter anderen politischen Vorzeichen diese gemäßigte Moderne, die heute als aparter Nebenpfad erscheint, zum beherrschenden Stil geworden wäre.

Doch auch radikale architektonische Experimente aller Arten findet man am Nikolassee: auf der einen Seite der Rehwiese Otto Stahns 1906 erbaute Trutzburg von einem Wohnhaus (Gerkrathstr. 9), die wie eine mittelalterliche Wehrfestung das Feld überblickt, und auf der anderen Seite Peter Poelzigs Atelierhäuser von 1958 (An der Rehwiese 7/7a/7b), unter deren Pultdächern unter anderen die Gartenbau-Professorin Herta Hammerbacher – von den Nachbarn liebevoll-despektierlich „Mulden-Herta" genannt – wohnte. Nicht weit entfernt von hier findet man Walter Gropius' radikal fensterlose Villenfassade (Zehlendorf, Fischerhüttenstr. 106), die er 1922 entwarf, und Georg Heinrichs 1959 erbaute, aus Backstein-Kuben kunstvoll zusammengesetzte Flachdachvilla in der Klopstockstraße 37, die ein Beispiel ist dafür, daß moderne Architektur nicht aussehen muss wie das, was Tom Wolfe gern als „Insektizid-Siedereien" beschimpft.

„Je mehr ich des Phänomens des Jahrhunderts, Le Corbusier, gewahr werde", schrieb Posener am Ende seines Buchs „Fast so alt wie das Jahrhundert", „desto mehr muss ich erkennen, dass sein Weg eine Möglichkeit vorstellt. Ich denke an die Jaoul-Häuser. Sie sprechen das Bedürfnis an, in einer Umgebung zu leben, welche dauert, und gleichzeitig den Wunsch, in einer Umgebung zu leben, welche nichts von irgendeiner Vergangenheit borgt." In seinen Untersuchungen hat Posener ein solches architektonisches Denken destilliert, das in der Baugeschichte nach alten Wohnsehnsüchten forscht, diese Bedürfnisse aber nicht mit dem Abguss alter Fassaden abspeist, sondern ihre Strukturen analysiert und, davon ausgehend, neue Formen findet. Im Viertel an der Rehwiese befinden sich zahlreiche architektonische Experimente, die aus diesem Geist heraus gebaut wurden.

Doch von dem Bewusstsein, was für einen Schatz man besitzt, fand sich bei den Berliner Verantwortlichen vor allem in der Vergangenheit keine Spur. Die Art, wie mit dem Kulturdenkmal Rehwiese umgegangen wurde, offenbart die typische Berliner Wurschtigkeit, die alles Besondere freudig in den Brei zurückstampft, aus dem es hervorragt. Man ramponierte munter eine frühe Mies-van-der-Rohe-Villa (Dreilindenstr. 30) mit einem Anbau, gegen den jeder Sicherungskasten wie ein Designobjekt wirkt; man schminkte eine einzigartige Villa von Egon Eiermann (Lohengrinstr. 32) mit grellblauen Fensterrahmen und lustigen Bärenaufklebern zur grellen Karnevalstravestie; man umstellte Muthesius berühmtes Haus Freudenberg mit öden Apartmentblocks, donnerte in die Gartenanlage, direkt vor Poseners Lieblingsvilla, obwohl anderswo genug Platz gewesen wäre, ein trostloses Sozialbausilo der Neuen Heimat, nachdem, wie Posener in seiner Vorlesung berichtete, mit knapper Not der Abriss des Landhauses verhindert werden konnte. Was zeigt, dass ideologisch motivierter, antibürgerlicher Staatsvandalismus kein Privileg der DDR war.

Und auch heute lässt das Schicksal eines der wichtigsten Bauensembles der Moderne die Berliner Verantwortlichen offenbar kalt. Die von der Heimstätten-Aktiengesellschaft errichtete „Villa Rosenburg" mit ihren Türmchen und ihren Stuckornamenten steht auf verlorenem Posten neben der Avus, wenige Meter entfernt donnert der Autobahnverkehr vorbei, und es herrscht ein Lärm, als rückten Cimbern, Teutonen und Vandalen gleichzeitig an. In jeder anderen Stadt der Welt hätte man dieses einmalige Ensemble zumindest mit einem Wall geschützt und mit Informationstafeln versehen; in Berlin überlässt man die Architekturjuwelen ihrem Schicksal – und einem geradezu höhnischen Lärmschutz-Zaun, über dessen niedrigste Stellen ein Dackel bequem hinüberhüpfen kann. Unvorstellbar, dass jemand in Paris zwischen die berühmten Le-Corbusier-Villen am Square du Docteur Blanche eine banale Vereinskiste bauen dürfte. In Berlin – kein Problem.

Einen Platz nach Julius Posener zu benennen ist ein Anfang. Es wird Zeit, dass Berlin die architekturgeschichtliche Bedeutung des Viertels erkennt, alte Fehler behebt und die Substanz dieser Architekturlandschaft für die Zukunft sichern hilft. Mindestens das ist die Stadt sich und Julius Posener schuldig, der vor acht Jahren, fast so alt wie ein Jahrhundert, in Berlin starb.

erschienen in der FAZ vom 04.11.2004, Seite 46; wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung des Autors Niklas Maak

 

>